Studienarbeit von Michael Reimer, Am Erbeskamp 8, 4920 Lemgo 2 Betreut von Dr. Helmert-Corvey Fachhochschule Bielefeld Wintersemester 91/92
Fotojournalismus an Tageszeitungen am Beispiel der Freien Presse/ Neue Westfälische, Bielefeld. Wenn in der Entstehungsgeschichte des Foto-Journalismus von großen Namen aus diesem Bereich die Rede war, so sind diese an den Tageszeitungen nicht zu finden. Das hat eine Vielzahl von Ursachen, kann aber nicht bedeuten, daß die Fotografen an Tageszeitungen schlechtere Arbeit leisten. Das Medium Tageszeitung weist viele Spezifika auf, die für Illustrierte im Allgemeinen und Fach-Illustrierte im Besonderen nicht gelten. Illustrierte arbeiten in der Regel mit freiberuflich tätigen Fotografen, Tageszeitungen mit Festangestellten. Die Ausnahme ist die Sportberichterstattung, die aufgrund der Quantität der zu leistenden Arbeit von Freien Mitarbeitern erledigt wird. Diese Freien Mitarbeiter an Tageszeitungen sind aber auch keine Fotografen. Für die Fotografen, die freiberuflich für Illustrierte arbeiten, besteht der Vorteil darin, daß sie ihre Bilder auch anderen Verlagen zur Veröffentlichung anbieten können und somit insgesamt flexibler sind. Pressefotografen an Tageszeitungen können das in der Regel nicht, schon deshalb nicht, weil ihnen neben der täglichen, oft termingebundenen Arbeit gar keine Zeit bleibt. Außerdem sind die lokalen Themen in der Regel nicht von überregionalem Interesse. Die Illustrierten sind schon allein deswegen das bessere Forum für die Fotografen, weil sie nur wöchentlich oder monatlich erscheinen und den Redakteuren wesentlich mehr Zeit für die Bearbeitung eines Themas geben. Zwischen der Tages- und Wochenaktualität besteht gerade in dieser Beziehung ein wesentlicher Unterschied zu Lasten der fotografischen Qualität, die die Tageszeitung ihren Lesern anbieten kann. Die Wochen- oder Monatszeitschrift hat die Möglichkeit, aktuelle Themen viel ausführlicher zu präsentieren, und damit der Fotografie ein größeres Gewicht zu geben. Farbige Bildreportagen lassen sich in unserer "bunten" Welt viel besser verkaufen. Auch auf diesem Gebiet können die Tageszeitungen schon aus ökonomischen Gründen nicht mithalten. Deshalb werden farbige Bilder in Tageszeitungen nur zu bestimmten Anlässen gedruckt.
Die Erwartungen der Leser von Tageszeitungen bestehen hauptsächlich darin, wie der Name schon sagt, über die Tagesaktualität informiert zu werden. Nun ist die Aktualität eines Tages so vielschichtig, daß das Weglassen nur eines Ereignisses zumindest bei einigen Lesern zu großer Unzufriedenheit führt, die sich im schlechtesten Fall im Abbestellen der Zeitung äußert. Das kann sich keine Zeitung leisten, da sie auf möglichst viele Abonnenten angewiesen ist. Das läßt sich schon an den teilweise sehr aggressiven Werbepraktiken der Zeitungen erkennen. Festzuhalten bleibt, daß durch den Zwang zur umfassenden täglichen Berichterstattung die Ausführlichkeit und die Qualität sowohl des Textes als auch der Bilder hinter den Möglichkeiten von Illustrierten und Wochenzeitschriften zurück bleibt. Der Pressefotograf einer Tageszeitung steht täglich unter Termindruck wie kaum ein anderer. Das muß zu Lasten der Qualität gehen und ist an vielen Fotos ablesbar, die eigentlich keine andere Aussage haben als die, daß ein Redakteur mit Kamera bei einem bestimmten Ereignis anwesend war. Manchmal nicht mal das, wenn es sich um Archivbilder handelt. Zudem darf nicht vergessen werden, daß auch die schreibenden Redakteure an Tageszeitungen selbst fotografieren, da sonst die täglich anfallende Arbeit gar nicht bewältigt werden könnte. Ohne den Redakteuren weh tun zu wollen, so muß man doch sagen, daß sie eben keine Fotografen sind. Allein aus ökonomischen Gesichtspunkten ist es den Tageszeitungen nicht möglich, ein Heer von Berufsfotografen zu beschäftigen. Auch dies ist ein Aspekt bei der Gesamtbetrachtung der fotografischen Qualität an Tageszeitungen. Der allgemeine Stellenwert des Fotos in der Tageszeitung wird nicht besonders hoch angesetzt. Dies ist an nackten Zahlen abzulesen. Eine Lokalredaktion, wie z. B. die der Neuen Westfälischen in Herford, besteht aus 5 schreibenden Redakteuren und einem einzigen Bildredakteur.
Seit 1967 haben auch die Fotografen den Status des Redakteurs. Weiter zurück, von 1947 bis 1967, als ein Teil der heutigen Neuen Westfälischen noch die Freie Presse war, leistete man sich gar keinen Fotografen, sondern ließ die Fotos ausschließlich von den Textredakteuren erstellen. Nach der Fusion der Freien Presse und der Westfälischen wurde dann 1967 erstmals ein Fotograf in die Redaktion in Herford aufgenommen. Ein knappes halbes Jahr später zog auch das Konkurrenzblatt, das Herforder Kreisblatt, Ableger des Bielefelder Westfalenblatt, nach. Die fotografische Qualität der nun Neuen Westfälischen hatte sich durch diese Maßnahme offensichtlich verbessert, so daß die Konkurrenz nicht zurückstehen wollte. Trotzdem liegt das Gewicht bei Tageszeitungen noch immer auf dem Text. Fotos werden oftmals nur zum Füllen einer Seite mißbraucht, auch um nicht den optischen Eindruck der berühmten Bleiwüste entstehen zu lassen. Dabei wird hemmungslos bei auftretendem Platzmangel, z. B. durch die Hereinnahme einer zusätzlichen Anzeige, die ja das eigentliche Geld für die Zeitung bringt, das Bild ohne Rücksicht auf seine Aussagekraft beschnitten, einfach abgeschnitten. Das ist für die Zeitungsmacher der bequemste Weg, weil den Technikern in den Druckhäusern nicht zugemutet werden kann, die Texte zu lesen und gegebenenfalls sinnvoll zu kürzen. In diesem Zusammenhang muß auch noch einmal auf das sogenannte Belegfoto eingegangen werden, das als Foto eigentlich gar keinen Wert hat, trotzdem gedruckt wird, um die Optik einer Zeitungsseite zu verschönern und bei Bedarf beliebig, im Sinne der fotografischen Aussagekraft, vergrößert oder verkleinert werden kann. Zudem müssen Zeitungsfotos in das Korsett ihres Blattes hineinpassen. Die Neue Westfälische beispielsweise wird sechs-spaltig gedruckt, das bedeutet, der Text wird vertikal in sechs Spalten von je 5 cm gedruckt. Somit muß auch das Foto diesem Raster angepaßt werden.
Das muß zwangsläufig ohne Rücksicht auf inhaltliche Erfordernisse geschehen. Ebenso die Wahl zwischen Hoch- oder Querformat eines Bildes. Aus zeitlichen Gründen werden die Zeitungsseiten so früh wie möglich umbrochen, das heißt, die Anordnung von Text und Bild einer ganzen Seite wird sehr früh festgelegt, damit der Andrucktermin auch eingehalten werden kann. Daraus folgt, daß dem Fotografen oftmals die Entscheidung über die Wahl des Bildformats abgenommen wird, da sie schon vorher durch den Umbruch vorgegeben wird. So ist es zu erklären, daß so mancher Fotograf ein Buch mit dem Titel schreiben könnte: wie fotografiere ich einen Kirchturm im Querformat. Ein Pressefotograf, der für eine Tageszeitung arbeitet, muß schon viel erleiden und erdulden. Er gibt sich die größte Mühe, gut gestaltete und technisch einwandfreie Fotos zu machen und ist sicher auch nach 20 Berufsjahren noch stolz darauf, wenn es ihm mal wieder gelungen ist, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Der Blick in die Zeitung des nächsten Tages kann dieses Gefühl sehr schnell wieder zunichte machen. Entweder ist das Bild ohne vorherige Absprache beschnitten worden oder aber der Druck ist von so miserabler Qualität, daß das Foto kaum noch zu erkennen ist. Die Druckqualität der Tageszeitungen hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht wesentlich verbessert. Das liegt daran, daß neue Technologien sehr teuer sind und das Zeitungspapier als solches nicht die Qualitäten von extra starkem Hochglanzpapier erreichen kann. So passiert es immer wieder, daß die Wiedergabe eines Fotos von einer besonders fetten, kontrastreichen Anzeige auf der Rückseite kaputt gemacht wird. Um überhaupt unter diesen Umständen noch mit viel Freude und persönlichem Engagement tagtäglich zu fotografieren, bedarf es schon eines dicken Fells, zumal den Pressefotografen neben den schon beschriebenen Vorgaben noch andere Auflagen gemacht werden.
Da ist z. B. die Hofberichterstattung im lokalen Bereich, dem Herzstück der regionalen Tageszeitungen. Die Zeitung als Firma und damit auch ihre Angestellten sind gerade auch wegen der besonderen Nähe zu ihren Lesern zu Gefälligkeiten verpflichtet, die nicht im Interesse einer unabhängigen, überparteilichen Berichterstattung und eines guten, gesamtjournalistischen Niveaus liegen können. (Großen Anzeigenkunden, den eigentlichen Financiers einer jeden Tageszeitung, natürlich auch der Illustrierten und Wochenzeitschriften, muß immer wieder die Möglichkeit zur Selbstdarstellung eingeräumt werden, um sie nicht als Anzeigenkunden zu verlieren. Natürlich kostenlos. Auch die vielen Vereine und Institutionen, die zwar nur die Zeitung kaufen und lesen, aber durch ihre Zahl die zu erzielenden Anzeigenpreise festsetzen, wollen gut bedient werden. Deshalb werden die Redaktionen mit sogenannten “Waschzetteln” überschwemmt, vorgefertigte Texte, teilweise garniert mit Fotos, die die unkritische Selbstdarstellung von Vereinen oftmals auf die Spitze treiben. Für die Redakteure eine Arbeitsentlastung, für das Niveau einer Zeitung aber absolut negativ zu beurteilen. Auswüchse dieses Gefälligkeitsjournalismus in dem Medium Fernsehen sind täglich ab 20 Uhr zu bewundern. Aber diese Abhängigkeiten bestehen und die Redakteure, sowohl Text- als auch Bildredakteure, sind gezwungen, dieses Spiel mitzumachen, zumindest dann, wenn sie auch weiterhin Informationen bekommen wollen. Diese beschriebene Abhängigkeit ist allerdings nicht einseitig, denn die Zeitung hat ja die Möglichkeit, den Informationsfluß zu steuern und auch zu entscheiden, wem sie die Chance zur Selbstdarstellung gibt. Die Zeitung ist sich dabei durchaus ihrer “Macht” bewußt, denn das gedruckte Wort und das veröffentlichte Bild haben in allen Gesellschaften einen sehr hohen Stellenwert.
Auch offensichtliche Falschmeldungen werden mit dem ungläubigen Satz übergangen: das muß wahr sein, es hat doch in der Zeitung gestanden. Selbst in der Fotografie bzw. in den Methoden zur Erlangung von Fotografien gibt es genügend Mittel und Wege der Manipulation. Das Gegenteil der Gefälligkeit ist die offene Kritik an gesellschaftlichen Mißständen. In dieser Funktion hat die Tageszeitung sowohl textlich als auch fotografisch die Möglichkeit ihr Profil zu zeigen. Daraus ergibt sich auch ihre große Bedeutung für den lokalen Bereich. Nur ein Beispiel: im April 1970 protestierte die Herforder Bevölkerung fast zwei Wochen lang mit der Unterstützung der Lokalpresse gegen ungerechtfertigte Preiserhöhungen der örtlichen Nahverkehrsbetriebe mit dem Erfolg, daß die Preiserhöhungen zurückgenommen werden mußten. Nicht nur in solchen Situationen findet eine ungeheure Identifikation des Lesers mit “seiner” Zeitung statt (siehe Bildnachweis). Ein weiteres Beispiel für die Möglichkeiten der kritischen Berichterstattung, in diesem Fall die des Herforder Bildredakteurs Erich Borowka, ist ein Bericht über eine Ausstellungseröffnung zum Thema Krieg und Judenverfolgung im Mai 1985. Zu diesen Anlässen wird gern ein Bild der anwesenden Honoratioren der Stadt genommen, im Allgemeinen sehr nichtssagend. Man kann aber auch durch eine einfache Fotomontage die ganze Absurdität des Geschehenen auf den Punkt bringen (siehe Bildnachweis). Und noch ein drittes Beispiel für die Möglichkeiten zur kritischen (Bild-) Berichterstattung eines Pressefotografen, wenn er denn will. Es ging hierbei um die menschenunwürdige Unterbringung einer Aussiedlerfamilie im Januar 1982. Dieses gefühlvoll aufgenommene Foto führte letztlich, natürlich in Verbindung mit dem erklärenden Text, zu einer menschenwürdigeren Unterbringung dieser kinderreichen Familie (siehe Bildnachweis). Wenn sich mehr Journalisten ihrer eigenen Möglichkeiten zur Veränderung gesellschaftlicher Zustände bewußt wären, würde dies dem Niveau der Berichterstattung an Tageszeitungen sehr dienlich sein.
Resümierend bleibt festzustellen, daß die Arbeitsbedingungen für Pressefotografen an Tageszeitungen ungleich schwieriger sind, als für alle anderen im Bereich der Fotografie kreativ tätigen Fotografen. Der Pressefotograf muß im Idealfall ein Allround-Könner sein, um die ihm gestellten Aufgaben bewältigen zu können. Systemimmanente Problemstellungen führen letztlich dazu, daß die fotografische Qualität in dem “Wegwerfartikel" Tageszeitung oftmals zu wünschen übrig läßt. Dies kann jedoch in Einzelfällen durch die Persönlichkeit und das Engagement des Einzelnen kompensiert werden. Die Angaben zu dieser Betrachtung entstammen dem Insiderwissen eines Fotografen, der insgesamt 25 Jahre als Fotograf und 9 Jahre als Laborant bei der Freien Presse/ Neue Westfälische tätig war und eigenen Erfahrungen mit dem Medium Tageszeitung sowie aus Befragungen von in diesem speziellen Bereich des Journalismus tätigen Personen. Die Angaben, die sich speziell auf die Freie Presse/ Neue Westfälische beziehen, sind sicherlich nicht repräsentativ, es ist jedoch nicht davon auszugehen, daß die Fakten aufgrund der Grundsätzlichkeit der Problematiken bei anderen Tageszeitungen dieser Größe gänzlich anders ausfallen. Zum Schluß sei noch an das geflügelte Wort der Zeitungsmacher erinnert, das da lautet: nichts ist so alt wie die Zeitung von Gestern.
Erich Borowka, ein Fotojournalist in Herford Ich lernte Herrn Borowka im November 1990 kennen. Die Kontaktaufnahme erfolgte per Telefon, nachdem ich von einem Mitarbeiter des Stadtarchivs auf Herrn Borowka aufmerksam gemacht wurde. Ich wollte mich im Rahmen einer Studienarbeit mit einem Fotojournalisten aus dem Raum Herford beschäftigen, ohne zu dem Zeitpunkt zu wissen, wie eine derartige Arbeit letztlich aussehen kann. Es kam für mich deshalb darauf an, mir einen Überblick zu verschaffen, was einerseits an Fotografien und andererseits an verwertbaren Aussagen zu beschaffen sein wird. Nachdem ich bereits einige Male im Stadtarchiv Herford “geforscht” hatte, war ich doch ziemlich frustriert, weil ich noch keinen Ansatzpunkt für meine Arbeit finden konnte. Die im Archiv vorhandene Bildersammlung des Fotografen Heese war für mich nicht zu gebrauchen, da die Aufnahmen nicht beschriftet noch sonstwie gekennzeichnet waren, zudem der Fotograf selbst leider nicht mehr am Leben ist. Ich versuchte also Herrn Borowka am Telefon zu erklären, womit ich mich beschäftigen wollte. Ein ziemlich schwieriges Unterfangen, wenn man das selbst noch nicht so richtig weiß. Zum Glück war Herr Borowka aber bereit mich zu unterstützen, so daß wir gleich einen Termin zu einem ersten Kennenlernen vereinbarten. Ich glaube im Nachhinein zu wissen, daß ohne eine gewisse gegenseitige Sympathie und Übereinstimmungen in Fragen der Zeit, eine Zusammenarbeit auf dieser Basis nicht möglich gewesen wäre. Es war jedoch Beides vorhanden. Ich spürte anfangs aber eine leichte Reserviertheit, die sich dadurch erklärte, daß Herr Borowka eine kleine Enttäuschung mit Vertretern der Fachhochschule Bielefeld erlebt hatte.
Man hatte ihn gebeten, Fotomaterial aus seinem Archiv für eine Ausstellung anläßlich des 150.Geburtstags der Fotografie in der "Fachhochschule zusammenzustellen. Als es dann soweit war, brauchte man dieses Material nicht mehr. Enttäuschend. Nun gut, wir unterhielten uns mehrere Male sehr intensiv über die Fotografie in seinem Haus in Gohfeld. Es war nicht leicht für Herrn Borowka mir als einer ihm ziemlich unbekannten Person, Dinge aus seinem Leben zu erzählen. Er äußerte dies auch ganz offen. Ich mußte ihn davon überzeugen, daß es für meine Arbeit unerläßlich ist, diese Informationen zu verarbeiten, da mir nach einigen Gesprächen klar geworden war, daß mich gerade sein Werdegang zu einem anerkannten Pressefotografen sehr interessierte. Aus dem Studium der Literatur parallel zu meinen persönlichen Gesprächen mit Herrn Borowka hatte ich erkannt, daß gerade aus den Lebensläufen unzähliger Pressefotografen Rückschlüsse auf ihr eigenes “Lebenswerk” und damit natürlich auch auf die Qualität der Arbeiten eines ganzen Berufsstandes zu ziehen sind. Der interessierte Leser kann diese Informationen in dem Interview nachlesen, das ich mit Herrn Borowka im Dezember 1991 geführt habe.
Auf das Interview hatte ich mich gezielt vorbereitet. Aus den unzähligen Gesprächen hatte ich alle wichtigen Fakten notiert, so daß ich mir einen Leitfaden für das Interview erstellen konnte. Ich formulierte insgesamt 35 Fragen, die mir aber genügend Raum für Zwischenfragen und Nachfragen ließen. Das Interview, daß fast eineinhalb Stunden dauerte, habe ich mit einem Diktiergerät aufgezeichnet und später zu Papier gebracht. Da man von niemandem verlangen kann, über eine Zeit von mehr als einer Stunde druckreif zu formulieren, war eine Überarbeitung dieses Interviews nötig. Dies habe ich dann nach Absprache mit Herrn Borowka auch getan und mir den Text anschließend genehmigen lassen.
Doch nun zu den Informationen, die ich aus den Gesprächen herausziehen konnte. Herr Borowka machte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Fachdrogisten, eher zufällig, da Ausbildungsplätze im Deutschland des Jahres 1939 nicht gerade leicht zu finden waren. Die Tätigkeit im Labor dieser Drogerie brachte Herrn Borowka das erste Mal mit der Fotografie in Berührung. Er hat auch erst während dieser Ausbildung begonnen zu fotografieren, mehr privat als mit dem Ziel, daraus einen Beruf zu machen. Seine Tätigkeit im Fotolabor kann aber nicht als Ausbildung zum Fotolaboranten verstanden werden, da es eher ein Anleiten von einem Arbeitskollegen war. Viele seiner Fähigkeiten mußte er sich selbst aneignen. Wie so viele seiner Berufskollegen ist er ein Autodidakt, und das ist wirklich sehr auffällig um nicht zu sagen merkwürdig, aber durchaus zu erklären. Die Fähigkeiten, die ein Foto Journalist besitzen muß, sind auf keiner Schule und in keiner Ausbildung zu erlernen. Genau aus diesem Grunde haben Absolventen der Fachhochschulen oft große Probleme, wenn sie nach dem Studium bei einer Tageszeitung anheuern, um so Erfahrungen zu machen. Gesammelte Erfahrungen aus anderen Berufen und allgemeine Lebenserfahrung, können in diesem Job nur von Vorteil sein. Daraus kann man schließen, daß speziell in diesem kreativen Beruf eine starke Persönlichkeit gefragt ist. Und genau so habe ich Herrn Borowka kennengelernt. Er hat es durch seine Beharrlichkeit und sein Engagement geschafft, sein Berufsziel zu erreichen. Nachdem der 2. Weltkrieg beendet war, landete Herr Borowka in Bad Oeynhausen und versuchte sich eine Existenz aufzubauen. Wiederum durch einen Zufall, ein Kollege vermittelte ihn, kam er zur Freien Presse nach Bielefeld. aber nicht als Fotograf, sondern als Laborant. Obwohl ihm dieser Job ziemlich auf den Geist ging, biß er sich durch. Er fotografierte nebenbei, um seinem Arbeitgeber zu zeigen, daß er mehr kann, als nur Bilder für andere zu entwickeln. Er ließ es sich sogar gefallen, daß seine ersten 250 Aufnahmen zwar veröffentlicht, aber nicht honoriert wurden; zumindest nicht finanziell.
Erst neun Jahre nach seinem Einstieg bei der Freien Presse gelang es ihm, sich als Fotograf bei dieser Zeitung zu etablieren. 1967, also 7 Jahre später, wechselte er dann nach der Fusion der Freien Presse und der Westfälischen zur Neuen Westfälischen nach Herford. In dieser Lokalredaktion war er der einzige Fotograf. Insgesamt 25 Jahre fotografierte Erich Borowka Lokales und Überregionales, Amüsantes und Langweiliges, und versuchte stets, das Beste zu geben. Das macht nach meiner Überzeugung einen überdurchschnittlichen Fotografen aus, und seine Fotos belegen dies. Zurückhaltend, wenn es um die eigene Person geht, engagiert, wenn es um die Interessen anderer geht, dabei immer lernfähig und nie die Neugierde auf das tägliche Leben verlierend. Seine Fotos gehen weit über das hinaus, was man normalerweise von Fotografen an Tageszeitungen gewohnt ist. Fotografieren hat eben etwas mit Persönlichkeit zu tun. Ich finde es schade und ungerecht, daß “Lebenswerke” auf diesem äußerst schwierigen Gebiet der Fotografie nicht stärker gewürdigt werden. Ich meine damit nicht die Glorifizierung der Person, sondern die Anerkennung für kontinuierliche, harte Arbeit. Es ist eigentlich unmöglich, ein derart umfassendes Gesamtwerk, auch auszugsweise, präsentieren zu wollen. Es bleibt einfach das Gefühl zurück, daß zuviele zeigenswerte Bilder im Archiv geblieben sind. Dennoch müssen einfach ein paar Bilder gezeigt werden (siehe Anhang). Ich bedanke mich jedenfalls sehr bei Herrn Borowka für seine freundliche und geduldsame Unterstützung.
Herr Borowka, Sie sind am 9.12.1922 in Gleiwitz geboren, und haben 1938 Ihre Schulausbildung mit der mittleren Reife abgeschlossen. Haben Sie damals schon fotografiert?
Nein, während der Schulausbildung habe ich noch nicht fotografiert, erst als ich mit der Berufsausbildung begonnen habe, in den Ferien meiner Lehrzeit. Es war also nicht so, daß Sie in jeder freien Minute mit der Kamera durch die Gegend gelaufen sind. Nein, überhaupt nicht. Das lag vielleicht daran, daß die Fotografie noch nicht so verbreitet war und ich damals auch noch keine Vorstellungen hatte, was ich später beruflich machen wollte. Im Jahr 1939 begannen Sie dann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einer Drogerie.
War das Ihr Wunschberuf?
Keineswegs.
Warum haben Sie denn diese Ausbildung begonnen?
Es war reiner Zufall, daß eine Stelle als Drogist frei wurde, denn die Möglichkeiten eine Ausbildungsstelle zu bekommen waren nicht sehr groß. Auch während der Schulzeit ist nicht das Thema aufgekommen: Was willst du später einmal werden. Meine Eltern wollten zwar gern, daß ich eine weiterführende Schule besuche, doch ich selbst hatte diesen Wunsch nicht, denn die Schule war für mich anstrengend genug.
Welchen Wunsch hatten Sie denn?
Ich hatte ehrlich gesagt keine genaue Vorstellung darüber, was ich einmal werden wollte, aber das Kaufmännische hat mich schon interessiert. Die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und die dabei erworbenen Kenntnisse sind mir ja dann auch nach dem Krieg zu Gute gekommen, als ich 1965 die Möglichkeit bekam, mich selbständig zu machen und bei der Amtsverwaltung Löhne ein Fotogeschäft angemeldet habe. Durch meinen Kaufmannsgehilfenbrief war das überhaupt kein Problem. Das Ganze hatte sich also insofern als sehr nützlich erwiesen. Doch nochmal zurück zu Ihrer Ausbildungszeit, was haben Sie hauptsächlich gemacht?
Das war der Verkauf im Geschäft selbst, aber überwiegend habe ich im Fotolabor gearbeitet, weil ich die Sache schnell erlernte. Leider hat dadurch meine Berufsausbildung in anderen Bereichen etwas gelitten.
Aber im Labor war jemand, der Sie angeleitet hat. Da war auch ein Lehrling, der aber schon ein Jahr länger als ich im Beruf tätig war. Ausbildung im eigentlichen Sinne war es nicht, eher ein Anleiten. Um die Geräte zu bedienen, über die Empfindlichkeit der Filme, über die Verarbeitungsmöglichkeiten und ein Schulen des Auges für gute Bilder. Nicht über den Aufbau des Bildes, sondern.... zu hell, zu dunkel oder gut. Ich wurde nicht aufmerksam gemacht wie ein gutes Bild aufgebaut sein muß, Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund usw. Es war ein rein technischer Ablauf, die Bilder dem Negativ entsprechend herzustellen.
Welche Themen wurden denn in dieser Zeit von den Kunden der Drogerie fotografiert?
Meistens Privataufnahmen aus den Familien, aber ich bin auch zum ersten Mal mit Bildern aus dem Krieg konfrontiert worden. Wenn ich mich richtig erinnere waren das Aufnahmen aus dem zerbombten Warschau, total zerstörte Wohngebiete und Häuserruinen. Waren das Bilder, die Sie zuvor schon einmal in anderen Medien gesehen hatten, z. B. in der Wochenschau?
Nein, da wir selten ins Kino kamen und meines Wissens nach diese Wochenschauberichte erst später in den Kinos gezeigt wurden, waren das fremde Bilder für mich. Zum damaligen Zeitpunkt war ich allerdings weniger erschüttert beim Betrachten dieser Aufnahmen als ich es heute wäre, mit dem Wissen das ich jetzt habe. Ich wollte gerade nachfragen: welche Empfindungen hatten Sie damals beim Betrachten dieser Kriegsbilder?
Die waren völlig ungewohnt, es war kaum möglich die Tragik, die dahinter stand, zu erfassen. Vielleicht war man zu jung, man konnte sich überhaupt nicht vorstellen was das heißt: Bomben auf Städte. Es war auch nicht so, daß jeden Tag solche Sachen kamen; es muß einer der wenigen Filme gewesen sein, sonst hätte ich mehr Bilder in Erinnerung.
Gab es denn zu der Zeit ausreichend Filmmaterial, denn Deutschland befand sich ja in einer tiefen Wirtschaftskrise und zudem seit zwei Jahren im Krieg?
Nach den Eingängen im Labor zu urteilen, muß die Versorgung mit Filmmaterialien ausreichend gewesen sein. Es kommt noch hinzu, daß die Fotografie 1941 bei weitem nicht so verbreitet war, wie sie es heute ist. Das Fotografieren selbst war damals auch viel schwieriger als heute. Die Kameras die ich kannte, hatten keinen Belichtungsmesser und keinen Entfernungsmesser. Eigentlich war es nur etwas für wirklich interessierte, soweit ich das beurteilen kann.
1941 haben Sie Ihre Lehre abgeschlossen.
Wie ging es dann weiter?
Dann kam ein fast nahtloser Übergang zum Militär. Ich war also reif für die Kanonen, ohne......wie soll ich mich ausdrücken, ohne die ganze Tragweite zu erkennen.
Und wohin wurden Sie dann geschickt?
Ich habe mich zur Luftwaffe gemeldet, weil ich gern Pilot geworden wäre. Konnten Sie in Gleiwitz bleiben?
Gleiwitz hatte zwar viele Soldaten, aber keine Luftwaffeneinheiten. Ich kam an die Ostsee nach Heiligenhafen zur Ausbildung, und bin da von Marineausbildern dressiert worden.
Konnten Sie während Ihrer Soldatenzeit in irgendeiner Form Ihre erlernten Fähigkeiten einsetzen?
Nein, das Einzige was man sich zunutze machte, war, daß ich gut schreiben konnte. Ich mußte dann immer den Schießwart machen. Das hat mich sehr geärgert, denn wenn ich mit dem Schießen dran war, bekam ich eine fremde Knarre in die Hand. Nach Beendigung dieses schrecklichen Krieges 1945 war nichts mehr so wie es vorher war.
Was hat das für Sie ganz persönlich bedeutet?
Die damalige Zeit war sehr deprimierend für mich, weil ich auch nicht wußte wo meine Eltern und Geschwister waren. Ich bin in Bad Oeynhausen gelandet, war früher auch schon mal da,.....aber das ist ja mein ganzer Lebenslauf, wen interessiert denn das so genau?
Meine arische Abstammung brauche ich jetzt aber nicht nachzuweisen?
Nein, nein, darauf lege ich gar keinen Wert, es war auch die letzte Frage dazu. Ich wollte nur darauf hinaus, wie Sie in diese Gegend gekommen sind..... Es war recht hoffnungslos, ähnlich wie bei vielen anderen, weil ich außer der Uniform nichts anderes hatte.
Aber das Beste war mir geblieben, denn ich war völlig unverletzt aus dem Krieg gekommen!
Aber Sie waren allein?
Ich war allein, ja,
Und sind 1945 in Bad Oeynhausen gelandet?
Ja. Ich habe dann im Winter 45 beim Brückenbau an der Weser die ersten Mark verdient, auch um an Lebensmittelmarken zu kommen, denn für diese Arbeit an der zerstörten Autobahnbrücke gab es Schwerarbeiterzulage.
Und von dieser Schwerarbeiterzulage habe ich dann, nachdem ich von Oeynhausen aus meine Eltern, die in Erfurt gelandet waren, wiedergefunden hatte, von dieser Zulage habe ich ihnen etwas zu Essen besorgen können.
Herr Borowka, nachdem Sie einige Gelegenheitsjobs machen konnten, wie z. B. bei der englischen Besatzungsmacht, beim Brückenbau an der Weser und im Labor der Drogerie Windolf, sind Sie dann durch das Arbeitsamt zu Film/Foto Damm nach Vlotho gekommen.
Was hatten Sie dort zu tun?
Anfangen mußte ich im Labor, und zwar Ansetzen von Chemikalien für die Bäder der Filmentwicklung. Es liefen mehrere Maschinen, in denen amerikanische Cowboy-Filme entwickelt wurden, aber auch Schmalfilme für die Schulen und andere Unterrichtsfilme. Nach kurzer Zeit bin ich in die Entwicklung gekommen und habe dort in Tag- und Nachtschichten gearbeitet. 1951 ist die Firma ins Rheinland umgezogen. Da ich einige Monate zuvor geheiratet hatte, blieben wir in Gohfeld. Durch Zufall bekam ich einen Job bei der Freien Presse in Bielefeld als Laborant in der Bildredaktion.
Wodurch haben Sie diesen Job bekommen?
Durch einen Redakteur, der hier in Gohfeld wohnte. Also durch einen persönlichen Kontakt. Genau. Es war eine verhältnismäßig harte Arbeit, da ich auch sonn- und feiertags arbeiten mußte. Zudem gab mir dieser Job keine Entwicklungsmöglichkeit, es sei denn, ich wäre in den Außendienst gekommen.
Dann war diese Arbeit auch noch nicht das, was Sie sich vorgestellt hatten?
Das konnte es nicht sein, weil ich dort wieder im Labor gelandet bin. Man kann das wohl als Knochenarbeit bezeichnen,
Welche Arbeitszeiten hatten Sie dort?
Ich brauchte im Labor erst mittags anzufangen, aber das Ende war völlig offen. Es dauerte manchmal so lange, daß ich erst frühmorgens mit dem Zeitungswagen zurückfahren konnte, mit dem Kollegen, der mich zu diesem Job gebracht hatte. Ich war auch kurz davor, wieder aufzuhören.
Also die Arbeitsbedingungen waren sehr hart. Allgemein bei Tageszeitungen?
Das kann ich nicht vergleichen, ob die Bedingungen bei anderen Tageszeitungen genauso waren. Bei uns in Bielefeld aber liefen die gesamten fotografischen Arbeiten aus allen Außenredaktionen zusammen. Ich mußte also die gesamten Filme und die Bilder in der entsprechenden Größe fertigmachen und zwar zu den Zeiten, die durch den Andruck der Zeitung bestimmt wurden. Wenn Sie einen Vergleich ziehen vom Aufkommen der Bildmenge damals und heute, was können Sie dazu sagen?
Für mich war das Aufkommen damals sehr hoch, aber das lag einfach daran, daß ich die ganzen Außenredaktionen hatte. Das sagt aber nichts über die tatsächliche Menge in den einzelnen Redaktionen aus. Ich weiß nur, daß die Bilder Anfang der 50er Jahre bei weitem nicht den Stellenwert hatten wie heute. Lange Jahre wurde, allerdings auch heute noch, bei Platzmangel nicht der Text gekürzt, sondern das Bild beschnitten. Das Bildaufkommen selbst ist inzwischen wesentlich größer geworden, weil man mittlerweile begriffen hat, daß Bilder, wenn sie gut sind, beim Leser mindestens ebenso gut ankommen wie der Text. 1955, nachdem Sie schon 4 Jahre bei der Freien Presse im Labor waren, haben Sie sich hier in Gohfeld auch noch selbständig gemacht.
Hatten Sie noch nicht genug zu tun?
Das kann man nicht sagen. Da ich ja etwas auf die Beine stellen mußte, blieb mir nichts anders übrig, als außer dieser Tätigkeit im Labor, die mich kolossal genervt hat, nach einer Möglichkeit zu suchen, ernsthafter mit der Fotografie zu arbeiten. Sie wollten selbst fotografieren. Ja, auf jeden Fall. Auch um aus dieser Knochenmühle herauszukommen, die ich eigentlich nur angenommen hatte, weil ich aus finanziellen Gründen etwas unternehmen mußte. Es wäre völlig sinnlos gewesen, mich von Anfang an in einem Ort wie Gohfeld selbständig zu machen. Das hatte zwei Gründe: einmal war ich kein Fotografenmeister, konnte also keine Lehrlinge annehmen noch sonst öffentlich werben und auch die Handwerkskammer hätte Schwierigkeiten gemacht. Deshalb habe ich ein Fotogeschäft eröffnet und in Verbindung damit auch selbst Aufnahmen erstellt. Allerdings nur sehr wenige denn ich hatte nicht genug Zeit, da ich mittags wieder zur Arbeit mußte.
Dann war Ihr Geschäft immer nur vormittags geöffnet?
Ja, vormittags und an meinem freien Tag auch nachmittags. Ich habe Foto-Aufträge somit nur für diese Zeiten annehmen können. Haben Sie in Ihrem Geschäft auch Filme und andere Materialien verkauft? Filme, Kameras und alles was damit zusammenhängt. Zusätzlich habe ich auch Entwicklungsarbeiten angenommen, die ich anfangs alle selbst, später entsprechenden Firmen weitergegeben habe.
Hatten Sie für dieses Geschäft einen Partner?
Als ich das Geschäft eröffnete, hatte ich einen Partner aus Oeynhausen, aber wir sind nicht lange zusammengeblieben, weil mein Partner es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konnte. Der Geschäftsumfang war aber nicht so groß, daß ich meinen Job in Bielefeld bei der Freien Presse hätte aufgeben können. Das Geschäft war für mich aber ein Weiterkommen, vor allem fotografisch. Die Aufnahmen, die ich in dieser Zeit in meiner Freizeit machte, sind auch schon veröffentlicht worden. Der Schritt vom Laboranten zum Fotografen, den Sie schon lange anstrebten war sicher sehr schwierig.
Wie haben Sie den letztlich geschafft?
'Ach, das war eigentlich ganz einfach, in Anführungszeichen. Ich habe während meiner freien Zeit fotografiert und die Bilder sind im Feuilleton unserer Zeitung in der FP am Sonntag veröffentlicht worden. Damals allerdings ohne Honorar, da ich ja bei der Zeitung angestellt war. Dabei erkannte man aber, daß ich auch fotografieren kann. Ich bin dann in den Außendienst gekommen, nicht abrupt, aber kontinuierlich. Ich blieb im Außendienst und für mich wurde eine Laborantin eingestellt. Man kann durchaus sagen, daß ich diesen Sprung durch die Eigeninitiative in meiner Freizeit geschafft habe. Es wurde auch höchste Zeit, denn die Laborarbeit machte mir schon lange keinen Spaß mehr. Das war ja alles noch im Jahr 1955.
Wie lange hatten Sie denn noch das Geschäft?
Durch den Außendienst hatten Sie ja nun auch vormittags keine Zeit mehr?
Die Tatsache, daß die Bürger von Gohfeld nicht gerade fotografierfreudig waren erlaubte es mir das Geschäft nur zu ganz bestimmten Zeiten zu öffnen und Arbeiten nur nach Voranmeldung auszuführen.Ich werde auch heute noch angerufen, ob ich Lehrlinge ausbilden kann oder ähnliches. Gerade jetzt anläßlich der 1000 Jahrfeier der Stadt Gohfeld im Jahr 1993 trat man an mich heran, ob ich für eine Ausstellung der Stadt Bildmaterial zur Verfügung stellen kann.
Parallel zu Ihrer Tätigkeit bei der Freien Presse haben Sie auch noch Möbel fotografiert.
Wie kam es dazu?
Das ergab sich automatisch. In der Nachbarschaft zu meinem Geschäft befand sich eine Werbeagentur, die mich bat Möbelaufnahmen zu machen. Die Schwarz/Weiß-Fotos wurden anschließend coloriert und dienten den Vertretern der Möbelfirmen als Vorlagen für ihre Kunden.
Woher hatten Sie denn die Kenntnisse in diesem doch speziellen Bereich der Fotografie?
Das könnte ich in der heutigen Zeit mit meinen damaligen Kenntnissen und Kameraausrüstungen natürlich nicht wiederholen, aber die Ansprüche, die an die Möbelfotos gestellt wurden waren ganz andere.
Wie ich schon sagte, wurden die Bilder in Schwarz/Weiß gemacht und handcoloriert, vielleicht 10 oder 20 Abzüge je Motiv. Salopp gesagt ging es nur darum, zu zeigen ob der Sessel blau, grün oder rot war. Ich habe mir dann später eine Linhof 6X9 mit verstellbarem Rückteil angeschafft, um bei der Aufnahme Korrekturen vornehmen zu können.
Aber die Qualitätsansprüche waren einfach geringer als heute.
Und wenn meine Arbeit nicht mehr genügt hätte, dann hätte man mich wohl auch nicht mehr geholt.
Trotzdem benötigt man für diese Art der Fotografie eine spezielle Ausrüstung, wie z. B. Lampen, Stative und ähnliches. Das habe ich alles nach und nach angeschafft. Auch meine Kamera bei der Presse war mein Eigentum, dh. also, ich habe zu Beginn auch im Außendienst nur mit eigener Ausrüstung gearbeitet.
Bis zum Schluß?
Nein, das ging einige Jahre, bis ich dann eine Kamera vom Betrieb bekam.
Aber das war erst in den sechziger Jahren.
Neben Ihrer beruflichen Entwicklung mußten Sie sich natürlich auch um Ihre Familie kümmern. Sie waren seit 1951 verheiratet, war Ihr Sohn schon geboren?
Ja, der wurde 1955 geboren.
Wie konnten Sie das alles miteinander vereinbaren?
Das war deshalb möglich, weil ich die Unterstützung meiner Frau hatte. Unser Ziel war, ein Haus zu bauen. Das hätte ich mit dem Verdienst bei der Zeitung allein aber nie schaffen können. Vor allem die unmöglichen Arbeitszeiten bei der Presse haben von meiner Frau viel Verzicht verlangt. Sie ist sehr viel allein gewesen. Aus diesem Grund habe ich auch schon mit 63 Jahren und nicht erst mit 65 Jahren bei der Zeitung aufgehört. Ich sagte mir: wenn noch etwas Zeit ist, dann jetzt. Viel Freizeit hatten Sie in den fünfziger und sechziger Jahren mit Sicherheit nicht. Kaum, und wenn ich welche hatte, dann habe ich versucht auch durch das Fotografieren diese Zeit auszufüllen. Nicht aus finanziellen Gründen, denn ich bekam ja anfangs für meine Fotos kein Honorar, aber das wissen Sie ja schon. Trotz aller zeitbedingten Widrigkeiten, Deutschland war stark zerstört worden und viele wußten noch nicht wohin sie Ihr Weg führen wird, so hatten Sie das Ziel, als Fotojournalist zu arbeiten.
Wann konnten Sie sich endgültig als Pressefotograf etablieren?
Endgültig ist es so um 1960 herum gewesen, der Übergang war kontinuierlich. Ich bin ja nicht von heute auf morgen herausgekommen, sondern erstmal zu einzelnen Terminen geschickt worden. Nebenbei mußte ich noch im Labor arbeiten, aber das wurde dann weniger, weil noch jemand eingestellt wurde.
Und Ihr Geschäft hatten Sie zu diesem Zeitpunkt auch noch?
Das habe ich auch heute noch, zumindest das Gewerbe.
Aber den damaligen Laden nicht mehr. Der erste Laden war in einem Kelleraum eines Privathauses. Wir wollten für uns nicht nur ein Haus zum Wohnen bauen, sondern auch das Geschäft darin unterbringen.
Seit 1960 haben Sie dann regelmäßig im Außendienst gearbeitet und fotografiert. Das war alles noch bei der FP.
Welchen Aufgabenbereich hatten Sie dort?
Aufnahmen für die Lokalredaktion, aber auch für die Reportage. Dadurch bin ich ja z. B. nach Lengede gekommen, daß war eigentlich mein eindrucksvollstes Erlebnis. Oder zu einem Jahresempfang nach Bonn, aber die Hauptarbeit war die Lokalredaktion, ohne Sport.
Hatten Sie nie Lust, auch selbst zu schreiben?
Nein.
Warum nicht?
Das kann ich Ihnen sagen. Das liegt bestimmt nicht daran, daß ich der deutschen Sprache nicht mächtig bin, aber ich hatte einfach keine Lust.
Haben Sie denn die Bildunterschriften selbst verfaßt, oder gehörte das sowieso zu Ihren Aufgaben?
Das wurde von den Kollegen aus der Redaktion gemacht, denn die Bildunterschriften kann man nicht ohne Kenntnis des Textinhaltes machen. Zudem sollte die Bildunterschrift mit dem Text harmonieren und ihn auch nicht nochmal wiederholen. Der Verfasser des Textes wird immer eine bessere Bildunterschrift machen können als der Fotograf, es sei denn, das Bild muß erklärt werden, z. B. Personen bei Gruppenfotos. Oftmals brachte ich aber auch Texte mit, z. B. Manuskripte eines Redners. Man hatte ja gar nicht die Zeit alles aufzuschreiben und blieb bei Veranstaltungen nicht immer bis zum Schluß. Außerdem wäre es zeitlich nicht möglich gewesen auch noch den Text zu schreiben. Da ich beim Texten wahrscheinlich das Gleiche wie beim Fotografieren gemacht hätte, wenn ich weiß, man kann es besser machen, versuche ich es besser zu machen, dann wäre ich mit dem Schreiben nie fertig geworden.
Nachdem Sie sich bei der Freien Presse als Fotograf fest etabliert hatten, war da noch Zeit für eigene, freie Arbeiten?
In der ersten Zeit nicht so sehr, weil meine Arbeitszeit ja schon vormittags begann, während ich zuerst den Vormittag noch Zeit hatte. Zusätzliche Arbeiten mußte ich entweder nach der Arbeit machen, was meistens nicht möglich war, da ich erst von Bielefeld nach Hause kommen mußte. Ich hatte damals noch kein Auto und war demzufolge auf den Zug angewiesen. Manchmal konnte ich auch erst mit dem Zeitungswagen nach Hause, denn wenn der Zug weg war, mußte ich auf den Kollegen warten der auch in Gohfeld wohnte und wurde dann “erst mit der Zeitung ausgeliefert", so daß sich das mit der zusätzlichen Arbeit automatisch einschränkte.
Und wann besserte sich diese Situation für Sie?
Eigentlich erst, als wir statt 6 nur noch 5 Tage in der Woche arbeiten mußten. Das war allerdings erst gegen Ende der siebziger Jahre. In diesem Job mußten wir ja verhältnismäßig lange 6 Tage in der Woche arbeiten. Das wurde dann auf 5 1/2 und noch später auf 5 Tage in der Woche reduziert. Die Freizeit war also sehr knapp. Ich habe dann auch die Zusammenarbeit mit dem Werbebüro eingestellt und auch keine Aufträge mehr für Hochzeiten und dergleichen angenommen, es sei denn es gab rein persönliche Gründe. Die privaten Aufnahmen wurden immer weniger, aber da ich manchmal während der Arbeit die Möglichkeit hatte Aufnahmen für mich zu machen, war das dann ein gewisser Ausgleich. Es war aber auch nicht so, daß ich ganz wild war mich immer mehr zu profilieren.
Im Jahr 1967 änderte sich die Presselandschaft durch die Fusion der Freien Presse und der Westfälischen zur Neuen Westfälischen.
Was änderte sich dadurch für Sie?
Das wird jetzt aber ziemlich presseintern, ich weiß nicht, ob ich das so ohne weiteres sagen kann. Ich gehörte zu denen die übernommen wurden, was nicht bei allen Kollegen der Fall war, da durch die Zusammenführung beider Zeitungen logischerweise etliche Arbeitsplätze weggefallen sind. Ich bin aber dabei geblieben.
Aber eine Veränderung für Sie bestand doch darin, daß Sie 1967 nach Herford in die Redaktion gekommen sind. Ich hatte mit dem damaligen Verlagsleiter ein Gespräch und wurde als Fotograf für die Redaktion Herford zuständig.
Wie waren die Anfänge in der Herforder Redaktion?
Die waren froh, daß sie mich kriegten, denn vorher wurden die Fotos von Freien Mitarbeitern oder den Redakteuren selbst gemacht.
Wie viele Redakteure waren in der Redaktion?
Wir waren etwa 5 schreibende Redakteure und ich der einzige Fotograf.
Und Sie hatten demzufolge auch die ganze Arbeit am Hals. Ja, die schoben mir dann so schnell es ging die eigenen Arbeiten unter. Die Kollegen waren froh, ihre Filme sofort von mir entwickelt zu bekommen um dann herauszusuchen, was sie von ihren Arbeiten, ihren Filmen gebrauchen konnten. Ich selbst konnte ja nicht zu sämtlichen Terminen, schon gar nicht, wenn sie übereinanderlagen. Die Redakteure mußten also auch weiterhin selbst fotografieren, natürlich in geringerem Umfang. Diese Arbeit habe ich deshalb mitgemacht, weil ein vernünftiges Team zusammenarbeiten muß.
Kam denn jetzt auch noch die Sportfotografie auf Sie zu, als zusätzliches Aufgabengebiet?
Meine ersten offiziellen Aufnahmen im Sport für die Zeitung waren die deutschen Fußballamateurmeisterschaften in Herford. Da mußte ich gleich für die Gesamtausgabe und für Herford fotografieren, aber es hat einigermaßen geklappt.
Hatten Sie keine besondere Beziehung zum Sport, oder warum haben Sie das in Bielefeld nicht gemacht?
Das lag daran, daß der Sport grundsätzlich von Freien Mitarbeitern gemacht wurde. Herford hatte im Grunde genommen ebensoviel, wenn nicht noch mehr Sport als Bielefeld. Zum Bereich Herford kommt noch Bünde, Enger, Spenge und Vlotho hinzu. Sie können sich vorstellen, was das für ein großes Gebiet war und wie wir hin- und herrasen mußten, vor allen Dingen, wenn die Termine sehr knapp beieinander lagen.
Und das wurde alles durch Freie Mitarbeiter abgedeckt?
Hauptsächlich durch Freie Mitarbeiter und die scheinbar wichtigeren, für uns wichtigeren Ereignisse habe ich gemacht. Es ging ja auch nicht nur um Fußball, sondern auch um Turnen, Schwimmen, Radfahren, Pferdesport usw. Herford hatte einen deutschen Meister im Radsport und im Schießsport. Die Hallenhandballer waren nicht schlecht und der SC Herford ist sogar in der Zweiten Bundesliga gewesen.
Nun eine ganz andere Frage: welchen Status hatte ein Fotograf innerhalb einer Redaktion?
Das lag eigentlich am Fotografen selbst. Wenn der Fotograf einen guten Namen hatte und dementsprechend arbeitete, war er ein gleichberechtigter Partner wie die anderen auch.
Und da zum Teil die Redakteure meine Söhne sein konnten, hatte ich keine Schwierigkeiten. Ich hatte ja auch den Status eines Redakteurs, ich war Bildredakteur, war also auch finanziell gleichgestellt.
Aber die Anerkennung der Fotografen als Redakteure kam doch relativ spät. Die völlige Gleichstellung auch in tarifrechtlicher Hinsicht kam nach der Fusion im Jahr 1967. Allerdings wurden einige Berufsjahre noch rückwirkend anerkannt.
Wie war Ihr Verhältnis zu den anderen fotografierenden Kollegen?
Echte Kollegialität oder gesundes Konkurrenzdenken?
Als Konkurrenz habe ich das nicht empfunden, weil ich die Fotografie nicht als Geheimwissenschaft ansehe. Ich traue durchaus jedem anderen, der einigermaßen gut gucken kann zu, gute Fotos zu machen.
Warum also soll ein schreibender Redakteur nicht auch fotografieren können?
Das meinte ich eigentlich auch nicht, sondern ob vielleicht einige Kollegen immer nur zu den sogenannten Highlights geschickt wurden und allein dadurch schon interessantere Fotos machen konnten?
Das kam ja nicht in Frage, denn wenn ein Termin war bin ich dort hingegangen, entweder allein oder mit einem schreibenden Kollegen.....
In Herford ja, weil Sie dort der einzige Fotograf waren.
Aber wie war es in Bielefeld?
Ich dachte jetzt Sie sprechen von Herford. In Bielefeld gab es natürlich eine Hierarchie. Der Ressortleiter hat die Aufnahmen gemacht die er machen wollte. Er hat uns aber genügend Luft gelassen, auch interessante Bilder zu machen.
Und eine Konkurrenz in dem Sinne gab es für mich nur zu Beginn meiner Arbeit.
Wie sah denn so ein typischer Tagesablauf für Sie in der Redaktion aus?
Wenn es etwas dicker kam, wenn ich das mal so salopp ausdrücken darf, dann könnte ich von diesem alten Zettel die Termine eines Tages ablesen. Es wäre aber übertrieben wenn ich sagen würde, es war jeden Tag so. Wir hatten also auch Tage, und das waren die Schlimmsten, an denen wir überhaupt keinen Termin hatten. Noch schlimmer war es, wenn der ganze Wochenkalender leer war. Das bedeutete, man mußte sich pausenlos etwas einfallen lassen. Das wäre nicht das Problem; man kann sich etwas ausdenken und schreiben, aber das dann zu fotografieren, das ist das Andere.
Dazu habe ich später noch eine Frage.
Geben Sie mir doch mal einen Eindruck eines Tages, an dem es so richtig dick kam. So ein Tag fing um 8 Uhr 45 im Herforder Theater an, 2 bis 3 Fotos die veröffentlicht werden sollten...
Lief zu dem Zeitpunkt gerade eine Probe?
Diese Aufnahmen machten wir im Allgemeinen während einer Probe, wenn es ganz besonders günstig war während einer Generalprobe zu der die Presse speziell eingeladen wurde. So konnten auch die interessantesten Abläufe innerhalb eines Stückes gestoppt werden, um dann Zeit für Fotos zu geben. Oder aber man mußte still und möglichst unbemerkt zwischendurch seine Aufnahmen machen, das ging aber nur bei großen Gastbühnen. So, das war der Termin im Theater. Dann ging es weiter um 11 Uhr, eine Veranstaltung vom deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband im Seniorenverband Herford, Unter den Linden. Ich weiß jetzt nicht mehr genau was dort war, wahrscheinlich wurde das Haus, diese Institution an dem Tag der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein Bild sollte ich dort machen.
Das war Ihr Auftrag, Sie hatten sonst keine weiteren Vorgaben?
Nein, nichts. Hier stand praktisch nur, wo ich hin mußte. Wenn ein Kollege mitging, brauchte ich mich auch nicht um den Text zu kümmern, wenn ich allerdings einen Termin allein machte, war auch das meine Aufgabe. Entweder mußte ich die Leute befragen oder z. B. den Rednern zuhören. Ich brauchte den Text aber nicht zu formulieren, das hätte ich auch nicht gemacht. Das war also 11 Uhr. Zwischen 12 Uhr 30 und 13 Uhr ein Jubiläum an der Herforder Philharmonie. Dort wurde eine Ausstellung aufgebaut und davon sollte ein Foto gemacht werden. Da brauchte ich mich z. B. nicht um den Text zu kümmern, denn hier steht der Name Nenz, da wußte ich, aha, der schreibende Kollege ist dabei. Dann hatten wir um 15 Uhr eine Ausstellung im Museum Daniel-Pöppellmann-Haus, danach um 18 Uhr Gesellenprüfung bei der Kreishandwerkerschaft und um 18 Uhr 30 Ausstellungseröffnung in der Galerie Triebenstraße. Zwischendurch mußte ich noch zum Freibad, weil dort mehrere beachtliche Zäune gezogen wurden. Dazwischen sollte ich noch Fotos am Wittekind-Kino für den Kollegen Berg machen; es ging da um Kinoprogramme. Dann brauchten wir noch Fotos von der Statue des Linnebauers, die mal wieder mit Farbe beschmiert worden war. Da der Kerl aus Kupfer besteht, war wieder eine Ganzreinigung erforderlich. Den Linnebauer mußte ich erst suchen, keiner wußte wo er war. Wir fanden ihn schließlich im Herforder Bauhof, ich habe ihn dort liegenderweise auf einer Karre fotografiert. Wir wollten bei der Stadt etwas Dampf machen, die sollten endlich den Linnebauer wieder aufstellen. Das waren also die Termine an diesem einen Tag.
Und Ihre Filme, haben Sie die zwischendurch entwickelt oder alle zusammen am Abend dieses Tages?
Nein, das wäre gar nicht möglich gewesen, das mußte ich schon zwischendurch erledigen. Wir hatten einen sehr frühen Andrucktermin und der Kurier mußte die Bilder und Manuskripte auch erst noch nach Bielefeld bringen. Das war in der Regel um 17 Uhr, manchmal auch um 18 Uhr, je nach Vereinbarung.
Das heißt, der letzte Termin um 18 Uhr 30, wäre erst für den darauffolgenden Tag gewesen?
Die Termine, die ich eben genannt habe, bedeuten nicht, daß die Aufnahmen auch am nächsten Tag erscheinen sollten bzw. erschienen sind. Wenn aber ein später Termin dabei war, der auf jeden Fall am nächsten Tag veröffentlicht werden mußte, dann habe ich die Bilder fertiggemacht, mit unserem Druckhaus telefoniert und einen späteren Termin vereinbart. Ich bin dann selbst nach Sennestadt gefahren, um die fehlenden Bilder, manchmal war es auch nur eines, hinzubringen,
Erzählen Sie doch mal etwas über die Probleme, die ein Fotograf an einer Tageszeitung zu bewältigen hat. Ich denke vor allem an Vorgaben, die Ihnen gemacht werden. Die Vorgaben, die der Pressefotograf bei Tageszeitungen bekommt, sind doch recht zahlreich. Die Kollegen, die für den Text und den Umbruch einer Bildseite verantwortlich sind, müssen die Möglichkeit haben, früh genug mit dem Umbruch der Seite anzufangen, unabhängig davon, wann das fertige Bild angeliefert wird. Deshalb wird oftmals das Bildformat von vornherein festgelegt, letztlich auch aus Zeitdruck.
Diese Vorgabe erschwert doch die Arbeit des Fotografen. Wenn Sie ein Hochformat abliefern müssen, das Motiv aber eher ein Querformat verlangt? Das Ganze hat Vor- und Nachteile. Fangen wir mit den Nachteilen an. Der eigene Spielraum beim Fotografieren wird von vornherein eingeengt. Das hat aber auch den Vorteil, daß man gezwungen wird flexibel zu sein. Man muß sich schon gut überlegen, wie man dieses Problem in den Griff bekommt. Auf diese Weise hat man sicherlich Aufnahmen gemacht, auf die man sonst vielleicht gar nicht gekommen wäre. Hinzu kommt, daß die Wirkung eines Bildes in einer Tageszeitung manchmal nur beschränkt ist. In der Zeitung wird ein Bild im Allgemeinen nur wenige Sekunden betrachtet und auch die Wiedergabequalität eines gedruckten Fotos läßt manchmal mehr als zu wünschen übrig. Das legt zum Einen am Druck selbst, kann aber auch z. B. an einer besonders kräftigen Anzeige auf der Rückseite liegen, so daß das Bild auf der Vorderseite fast kaputt geht. Man muß allerhand schlucken, wenn man an die Wiedergabe seiner Fotos größere Ansprüche stellt. Man erwartet ja, daß das Bild ebenso gut kommt, wie man es gemacht hat.
Hat Sie so etwas auch später, nachdem Sie schon einige Jahre im Beruf waren, immer noch geärgert?
Wenn es mich nicht mehr geärgert hätte, hätte ich keine guten Fotos mehr gemacht. Das ist ganz einfach: wenn ich mich nicht mehr über ein mißlungenes Bild ärgere, dann brauche ich mich ja nicht mehr zu bemühen, ein Gutes zu machen. Ich habe mich oft genug geärgert, aber nicht nur das, ich war auch sauer, wenn ein Kollege ohne mir etwas zu sagen die Aufnahme beschnitten hat. Auch in der Technik hatte man die Möglichkeit ein Bild zu beschneiden, meistens an der für den Fotografen verkehrtesten Stelle.
Woran lag es denn?
Das lag zum Teil daran, daß die Anzahl der Zeilen nicht richtig angegeben war, also mehr Text vorhanden war als auf dem Umbruch draufstand. Oder aber eine Anzeige mußte unbedingt noch hineingenommen werden, so daß der Technik nichts anderes übrig blieb, das irgendwie unterzubringen. Da man den Technikern im Druckhaus Sennestadt nicht zumuten konnte den Text zu lesen und dann sinnvoll zu kürzen, sind die den Weg des geringsten Widerstands gegangen und haben das Bild beschnitten. Das war einfacher.
Gab es sonst noch spezifische Probleme?
War der permanente Zeitdruck für Sie ein Problem?
Es war ein dauernder Druck. Natürlich auch für die anderen Redakteure, nur daß sich die schreibenden Kollegen untereinander ein bißchen arrangierten. Wir konnten uns die Termine ja nicht aussuchen, vor allem zeitlich nicht. Sogar ein Nikolaus brachte den Terminplan ziemlich durcheinander, wenn er später als angesagt in der Stadt aufkreuzte, um die Kinder zu erfreuen. Ich konnte ja auch nicht einfach abhauen. Ich mußte also warten, egal ob es der letzte Termin an diesem Tag war oder nicht. Oft genug stand der Kurier schon an der Tür vor dem Labor und wartete auf die Bilder. Da dieser Kurier wiederum auf den Zug angewiesen war und genau so unruhig wurde wie ich, entstand durch eigentlich läppische Gründe dieser Zeitdruck. Nur wenn von vornherein klar war, daß die Termine nicht zu halten waren, wurde die Aufregung wesentlich geringer. Die Technik in der Sennestadt wurde verständigt, in diesem Fall die Chemigraphie, und konnte sich darauf einrichten. Oft mußte ich auch noch die Bilder der Freien Mitarbeiter fertig machen, die ja nicht die Möglichkeit hatten. Das ging natürlich zu Lasten meiner freien Zeit, mußte man aber in Kauf nehmen. Berufsspezifische Arbeitszeiten nannte man das.
Jeder Fotograf hat eine für ihn typische Arbeitsweise.
Wie haben Sie sich einem Thema genähert?
Das kam auf das Thema an. Wenn ich z. B. zum Fußball mußte, habe ich die Sache an mich herankommen lassen, da ich ja schlecht auf dem Spielfeld herumlaufen konnte.
Aber Sie haben schon Ahnung von dem Spiel selbst gehabt?
Die Schwierigkeit, wenn wir schon mal vom Fußball sprechen, war vor allem dann groß, wenn es ein sogenanntes Ortsderby war. Wenn die Mannschaften von Herford und Bünde gegeneinander spielten, hätte ich eigentlich die Fähigkeit besitzen müssen, sowohl die Tore der Herforder als auch die der Bünder auf meinen Film zu bannen. Da ich aber keinen Zwillingsbruder hatte, der für mich mitarbeiten konnte, blieb al
mir nur das Raten: wo stellst Du dich jetzt hin?
Richtete man sich nach dem Tabellenstand, konnte man mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß der vermeintlich Schwächere das erste Tor schoß. Beim Fußball war es auch deshalb schwierig, weil die Entfernung zu groß war, um den Standort schnell zu wechseln. Das habe ich nur dann gemacht, zur Erheiterung der Zuschauer, wenn ein Elfmeter geschossen wurde. Es lag aber auch am Schiedsrichter, ob er langsam genug war, dem Fotografen das Bild zu ermöglichen, der dann einen 100 Meter-Sprint machen mußte, um rechtzeitig zum anderen Tor zu kommen.
Mit voller Ausrüstung?
Natürlich. Ich hatte aber meist nur eine Kamera bei mir, manchmal auch zwei, wenn ich mit einem starken Tele gearbeitet habe. Das war die Schwierigkeit beim Sport. Zudem ist man kaum in der Lage gute Fotos zu machen, wenn man selbst von der Sportart besonders gefesselt wird. Man ist dann so dabei, daß man manchmal vergißt auf den Auslöser zu drücken. Man sagt dann: schieß doch, und schon ist es vorbei. Deshalb werden die Aufnahmen bei den Vereinen die Besten sein, bei denen es dem Fotografen ziemlich egal ist, wer gewinnt.
Wenn wir jetzt mal von der Sportfotografie wegkommen. Es gab sicherlich Situationen wo es darauf ankam, jemanden zu etwas zu überreden.
Wie sind Sie da auf die Menschen zugegangen?
Ich habe mir als Erstes überlegt: was kannst Du einem Menschen zumuten?
Was haben Sie da als Gradmesser angesetzt?
Was Sie sich selbst zumuten würden?
Kann man so sagen, aber vielleicht ist das etwas übertrieben. Die Absicht der Berichterstattung liegt darin, ein realistisches Bild des Ereignisses zu bekommen und nicht Personen dadurch zu schaden, daß man ihnen Äußerungen entlockt, die vielleicht auch gar nicht stimmen. Außerdem lagen die Ereignisse über die wir berichten wollten nicht so wie bei einer Illustrierten, der es mehr um Sensationen geht. Sicher soll ein Bericht interessant sein, aber das beweist ja schon die Tatsache, daß wir darüber berichten wollten. Wir zeigten niemals Aufnahmen, die brutal den Tod darstellten, ganz zu schweigen von Menschen, die sich selbst das Leben genommen hatten. Das war für uns tabu. Ansonsten ist es eine Frage der Kommunikation, des eigenen Auftretens. Es kam schon vor, daß wir anläßlich einer goldenen Hochzeit in ein Privathaus gingen um dort zu fotografieren, die betreffenden Personen das aber nicht wollten. Es kam uns dann aber nicht in den Sinn, sie dazu überreden zu wollen. Wir haben in solchen Fällen nur daraufhingewiesen, daß die Angehörigen nachher oft böse sind und aus diesem Grunde die Zeitung abbestellen. Das ist oft genug passiert.
Welche Eigenschaften muß Ihrer Meinung nach ein Fotograf haben?
Eine Voraussetzung ist für meine Begriffe Zuverlässigkeit, da man bei einer Tageszeitung auf strikte Termineinhaltung angewiesen ist. Das ist wirklich die Hauptvoraussetzung. Ferner Offenheit anderen gegenüber, auf keinen Fall arrogantes Auftreten. Als Zeitungsredakteur wird man von den Leuten mit dem Produkt, das man herstellt, gleichgesetzt. Auf keinen Fall den dicken Mann markieren.
Aber Sie sind sicher häufig in Situationen gekommen, wo Sie auf den ersten Blick gesehen haben, da kann man fotografisch nichts draus machen, da muß ich etwas arrangieren. Dabei ist man auf die Zusammenarbeit mit den betreffenden Leuten angewiesen.
Wie bringt man die Leute dazu?
Das kommt darauf an, von wem der Anstoß zu dieser Aufnahme kommt. Nehmen wir mal an, wir haben keine Termine und mir fällt ein, daß es in der Nähe so einen hervorragenden Modellbauverein gibt. Wir fahren dann hin um ein Foto zu machen, kommen aber ungelegen. Dann kann es passieren, das daraus nichts wird. Wenn uns der Club aber von sich aus anruft und um einen Bericht mit Foto bittet, dann werden diese Leute gern bereit sein, uns unsere Wünsche von den Augen abzulesen. Denn in diesem Fall wollen die ja den Bericht, und dann wollen sie ihn auch so gut wie möglich. Manchmal muß in der Tat ein wenig nachgeholfen werden, um zu einem guten Bild zu kommen.
Aber dadurch wird das Bild ja nicht manipuliert.
Und um noch einmal auf das Format zu kommen: wenn das mit dem Motiv absolut nicht harmoniert, dann muß ich mir halt etwas einfallen lassen.
Es war sicher nicht immer nur Tagesroutine und nicht immer nur Schützenfest. Es gab auch in Herford Ereignisse, die eine überregionale Bedeutung hatten. Woran können Sie sich z. B. erinnern?
Ja, die interessanteren Sachen waren z. B. Bundespolitiker in Herford. Wenn diese Politiker, meistens aus wahltaktischen Gründen, in Herford weilten, wie z. B. der SPD-Mann Brandt, oder Kohl, Genscher, Augstein, da war schon etwas los. Ganz interessant war einmal der Einsatz von unserem Spiegel-Macker Augstein; das Bild habe ich eigenartigerweise oft vor Augen. Ein hochqualifizierter Mann, der innerhalb des Volkes, auf der Straße, in der Fußgängerzone völlig fehl am Platz war.
Warum?
Warum, er war praktisch unbekannt. Wahrscheinlich hatten einige Leute schon mal etwas von ihm gelesen und gehört, aber der Auflauf war relativ gering. Auch der Versuch mit dem Megaphon Interesse zu wecken, scheiterte ziemlich kläglich. Da habe ich gesehen, das eine Person mit Bekanntheitsgrad schon ein großes Plus hat, aber das ist ja eine Binsenweisheit. 43
Wissen Sie noch wann das war, denn Augsteins aktive Zeit in der FDP ist ja schon lange vorbei?
Nein, da müsste ich erst in meinem Archiv nachsehen, aber dieses Bild mit Augstein und dem Megaphon und den paar Leuten um ihn herum, das habe ich oft vor Augen. Er war einfach kein Volksredner und bekam deshalb auch weniger Aufmerksamkeit. Für Leute wie z. B. den Genscher war das von vornherein einfacher. Waren derartige Auftritte für Sie vom rein Fotografischen her interessant oder nur weil es sich um bekannte Persönlichkeiten handelte und der Leser erwartete, daß die Zeitung am nächsten Tag ein Bild brachte?
Das war natürlich keine Erwartung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Aus den Plakatankündigungen wußte der Bürger, daß der oder der kommen würde.
Wenn wir am nächsten Tag in der Zeitung kein Bild bringen, hätten die Leser wahrscheinlich gesagt: der Fotograf hat Pech gehabt oder der Film ist gerissen oder was auch immer.
Haben Sie denn bei diesen Leuten immer versucht, etwas Besonderes zu fotografieren?
Eigentlich nicht, mich interessierte immer die Person, ob er nun Bundeskanzler ist oder irgendein Vorsitzender. Sicherlich war die ganze Atmosphäre bei sehr bekannten Politikern viel interessanter, auch bedingt durch das größere öffentliche Interesse. Beeindruckt hat mich, wie menschlich diese Leute doch eigentlich sind.
Und wenn das Interesse der Zeitung größer war, hatte das für mich den Vorteil, daß in der Regel mehrere Bilder veröffentlicht wurden. Dann konnte ich auch das Drumherum zeigen.
Was war denn für Sie rückblickend das fotografisch Interessanteste, das Sie aufgenommen haben?
Das Aufregendste war zweifellos die Rettung der Kumpel in Lengede. In welchem Jahr war das?
Das war 1963, und schon allein deswegen sehr aufregend, weil das Betreten des von der Polizei abgeriegelten Geländes nur mit Sonderausweisen möglich war und ich keinen hatte. Der Auflauf der Weltpresse war damals enorm. An der Stelle, wo man die Zulassung bekommen konnte, war kaum ein Durchkommen. Der Kollege von der Reportage hatte es geschafft für sich einen Ausweis zu bekommen, aber nicht für mich.
Warum weiß ich nicht, jedenfalls hatte ich keinen Ausweis. Ich konnte also nicht hinein. Stellen Sie sich einmal vor: Sie werden von der Zeitung zu einem Ereignis geschickt und kommen zurück und müssen sagen, tut mir leid, ich bin nicht hineingekommen! Ich habe
dann verzweifelt überlegt, was ich tun kann. Vielleicht hat man etwas Mitleid mit mir gehabt oder es lag an meiner geringen Körpergröße, jedenfalls habe ich versucht, einem Polizeibeamten mit Hund zu erklären was mit mir passiert, wenn ich ohne Fotos zurück in die Redaktion komme. Daraufhin hat er mich hineingelassen. Damit war für mich die Hauptschwierigkeit ersteinmal beseitigt. Das nächste Problem war die Kameraausrüstung. Zu dieser Zeit hatte ich nur ein Objektiv mit 9 cm Brennweite und mußte deshalb überall so nahe wie möglich heran.
Und das war so gut wie unmöglich, bei diesem Aufgebot an Polizei und Bergwerkskumpel. So habe ich zuerst von Bäumen fotografiert, so weit weg, daß man keine Personen erkennen konnte. Dann ist es mir aber geglückt einen alten Wagen für die sogenannte Weltpresse zu erklimmen und so kam ich dichter heran. Zum Glück bin ich ja ziemlich klein und wendig. Wir haben vorher, im Juli 1960, mal ein Bergwerksunglück in Salzgitter fotografiert, aber da kamen wir nicht in den Schacht hinein und dann hat der Blitz nicht funktioniert, ach du Hebe Zeit, das kostet schon viel Nerven, vor allem weil Sie wissen, daß Sie die Aufnahmen nicht wiederholen können. Da die Ausrüstung bei weitem nicht so war wie heute, können Sie sich vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten man damals zu kämpfen hatte. Ein anderes Übel: ich war so trainiert auf das Auslösen und Spannen, das ich den Winder, den ich mir später zulegte, einfach nicht benutzte. Der machte zudem nur zwei Bilder pro Sekunde, konnte man eigentlich vergessen. Wenn man beim Elfmeterschuß draufdrückte, war der Ball beim zweiten Bild schon lange im Tor. Es hat eine sehr lange Zeit gebraucht, bis ich mich umgewöhnen konnte.
Haben Sie vielleicht noch ein Beispiel für einen interessanten Auftrag, der nicht mit einer Katastrophe zu tun hatte?
Etwas, was mich nicht nur interessiert sondern auch gefesselt hat, war vor Jahren eine besondere Wettersituation mit sehr intensivem Rauhreif. Auf meinem Weg zur Arbeit habe ich noch nicht geahnt, daß ich dort erst mittags ankommen würde. Ich bin also in ein Gebiet gefahren, von dem ich annehmen konnte, dort ganz interessante Sachen zu finden. Ich habe ja auch zwischendurch immer wieder versucht, eigene Aufnahmen zu machen. Ich fand dann in Schweicheln eine Rauhreiflandschaft, die so herrlich war, daß ich dort hängengeblieben bin. Meine Kollegen aus der Redaktion hatten schon herumtelefoniert und auch meine Frau wußte ja nicht wo ich geblieben war.
Aber mir war das in diesem Moment völlig egal. Es gab sowieso keine Termine und wenn es wirklich brennt, dann sind auch noch andere da. Ich habe dann den ganzen Vormittag Fotos gemacht. Rauhreif ist zwar sehr fotogen, vor allem in Farbe, aber in Schwarz/Weiß kann das eine Katastrophe sein. Rauhreif bringt meistens etwas, wenn man mit Seitenlicht arbeitet.
Ich mußte zudem mit starken Filtern fotografieren, um überhaupt eine Trennung zwischen Himmel und Rauhreif zu erreichen.
Und da bin ich eben hängengeblieben und solange herumgelaufen, bis ich glaubte zumindest zwei gute Aufnahmen zu haben. Ohne es genau zu wissen bin ich dann zur Redaktion gefahren um auch mein Fernbleiben zu erklären, denn das waren meine Kollegen in dieser Form nicht von mir gewohnt.
Aber es hatte sich fotografisch gelohnt und brachte mir einiges an Aufregung, weil es eine Sache des Suchens und Findens war. Sie deuteten schon mal an, das Sie auch immer mal wieder andere Aufträge ausführten, dazu gehörten auch Werbebroschüren. Ja, zahlreich waren diese Aufträge aber nicht. Darunter waren Aufnahmen für holzverarbeitende Firmen, für die Bad Driburger Kurzeitung, Leben im Kreis Herford, Farbprospekte von der Stadt Löhne, Firmen-Jubiläen und Firmenzeitungen und im Jahr 1964 Fotos für eine große Ausstellung zur 750-Jahr-Feier-Bielefelds. Ich erinnere mich aber, daß Sie auch eine größere Arbeit für die Edeka gemacht haben. Die Firma Edeka habe ich kennengelernt durch meine Arbeit in Herford. Als ich nach Herford kam, 1967 nach der Fusion, war die Zeitungsfotografie etwas unterentwickelt, es hat eben jeder fotografiert und Bilder gemacht. Die Tatsache, das zwischen diesen und meinen Bildern ein Unterschied bestand, kann man daran ablesen, daß ungefähr ein halbes Jahr nach Beginn meiner Tätigkeit auch das Konkurrenzblatt, das Westfalenblatt, einen Fotografen angestellt hat, weil sie wohl gemerkt haben, daß sie so nicht weitermachen können. Dadurch sind die Zeitungsfotos in Herford ein bißchen besser geworden. Der junge Kollege der Konkurrenz, mit dem ich mich prima verstanden habe, der konnte auch durchaus mal auf meine Leiter, die ich zum Fotografieren oft benutzt habe. So ist übrigens auch die Leiter zu einer Art Markenzeichen geworden. Man kann also ohne Übertreibung sagen, daß Sie aufgrund Ihrer langjährigen Tätigkeit als Pressefotograf in Herford sehr vielen Menschen bekannt waren, wodurch sich sicherlich auch Ihr Privatleben veränderte, z. B. dadurch, daß immer wieder Leute zu Ihnen kamen, die etwas von Ihnen wollten?
Das kam oft vor, gerade nach Veröffentlichungen kamen Oma und Opa mit ihren Bilderwünschen.
Aber ich konnte nicht alle Wünsche erfüllen. Die Firmen für die ich fotografiert habe, die kannten mich aus Gohfeld oder auch aus Oeynhausen.
Was die Edeka anbelangt, an die bin ich durch die Zeitung gekommen.
Und zwar hat die Edeka einen Großmarkt neben der Molkerei ganz groß eröffnet und ich habe dort
Aufnahmen für die Zeitung gemacht. Im Gegensatz zu meinen Kollegen habe ich nicht geblitzt, sondern mit hochempfindlichen Filmen gearbeitet und bei der Entwicklung noch etwas nachgeholfen. Dadurch bekam ich von der Stimmung her ganz andere Bilder. Die Aufnahmen wurden sehr gut und seitdem habe ich für die Firma über Jahre hinweg Fotos gemacht. Dafür mußte ich mir dann allerdings frei nehmen, da die Aufträge zu umfangreich waren. Als die Kollegen das dann spitz kriegten, haben sie teilweise nicht nur ihre Blitztechnik geändert, sondern auch oft gewartet, wo ich hinlaufe.
Aber das nur nebenbei.
Wie war denn so Ihre Beziehung zur Lokalpolitik?
Die Lokalpolitiker habe ich in meinen Fotos eigentlich gleichberechtigt behandelt. Es wurde niemand hervorgehoben oder zurückgestellt, weil er vielleicht für mich in der falschen Partei war. Das war auch deshalb schwer möglich, weil es zu den Gewohnheiten der Politiker gehört, sowieso immer im Vordergrund zu stehen. Es ging manchmal soweit, daß die Gäste hintenstanden und die Lokalpolitiker vorn, aber das gehört wohl zu den menschlichen Schwächen, sich zu präsentieren. Mit den meisten konnte man aber reden und ich bin auch ganz ungezwungen mit ihnen umgegangen. Trotzdem habe ich versucht, nicht zum hundertsten Mal den stellvertretenden Bürgermeister draufzukriegen. Das ging dann soweit, daß man vielleicht auch mal zu deutlich wurde und sagte: nun hauen Sie doch endlich ab, ich brauche Sie jetzt nicht auf dem Bild.
Gerade in der Beziehung zwischen Politik und Presse bestehen gewisse Abhängigkeiten. Wurde man anders behandelt, wenn man ständig mit den gleichen Leuten Kontakt hatte?
Das liegt in der Natur der Sache, zweifellos. Wenn man von der Presse kommt, wird man zwangsläufig freundlicher begrüßt. Die Leute wollen ja etwas, nämlich per Bild in die Zeitung kommen. Dadurch entstehen natürlich auch gewisse persönliche Beziehungen. Die Intensität dieser Beziehungen liegt letztlich an dem Journalisten und seinen Interessen. Wenn der Politiker seinerseits zufrieden ist mit der Berichterstattung, wird er sich natürlich immer wieder an die gleichen Journalisten halten.
Auf jeden Fall genießt man doch eine gewisse Sonderstellung.
Ja, das kann man sagen. Ich kannte mal einen sehr engagierten Lokalpolitiker, der oft in Erscheinung trat und auch ständig Kontakt mit der Redaktion hatte. Mit ihm habe ich mir mal einen Scherz erlaubt. Ich sagte: komm mal mit ins Labor, wir haben uns geduzt, nicht mit allen aber mit einigen, und da habe ich in der Dunkelkammer ein Negativ im Vergrößerungsapparat auf den Vergrößerungsrahmen projiziert. Guck mal hier, das bist Du, hier am Rand, und wenn Du verschwinden sollst, verändere ich den Ausschnitt.
Und schon bist Du weg, existierst gar nicht mehr auf dem Bild. Damit wollte ich ihm nur andeuten, daß er sich nicht immer so in den Vordergrund schieben soll, sonst schneide ich ihn einfach ab. Er war zwar verblüfft, aber ich nehme an auch beeindruckt.
Hat er denn diese Lektion verstanden?
Ich hoffe ja, aber man kann einen Menschen auch schlecht ändern. Er ist trotzdem aktiv geblieben und ein aktiver Mensch wird sich immer in den Vordergrund stellen. Das war sowieso eine große Schwierigkeit bei den Aufnahmen für die Lokalredaktion, besonders bei Ausstellungen. Da waren meist soviel Leute, und alle wollten mit drauf, so daß ich dann sagen mußte: so geht es nicht, entweder fotografiere ich die Ausstellung oder euch. Es war immer schwierig, einen vernünftigen Kompromiß zu finden und dadurch entstehen natürlich Bilder, die sich immer wiederholen. Das ging mir ziemlich auf die Nerven.
Meine letzte Frage: wenn es absolut nichts zu berichten gibt, Stichwort Sommerloch, wie werden dann bei einer Tageszeitung leere Seiten gefüllt?
Tja, wenn es keine Termine gibt, dann muß eine halbwegs geordnete Redaktion sich zusammensetzen und jeder einzelne ein bißchen Phantasie entwickeln oder die angesammelten Reserven aus der Schublade holen.
Und wenn alle Stricke reißen, dann wurde etwas einfach ein bißchen größer gebracht.
Geben Sie doch bitte ein Beispiel für viel Phantasie?
Das kann ich aus dem Stehgreif gar nicht beantworten.
Aber wir hatten in der Herforder Redaktion einige Leute mit besonderen Talenten. Der eine kannte sich sehr gut im Theater und Musikgeschehen aus, ein anderer wußte gut über die Herforder Geschäfte bescheid, wieder ein anderer hatte oft gute Ideen für Reportagethemen, oder wir brachten als Aufmacher ein sogenanntes Schmuckbild. Als letztes blieb wie gesagt die Schublade.
Und was hatten Sie in Ihrer Schublade?
Ich hatte ja immer noch mein Archiv. Ein kleiner Lückenfüller war z. B. der Herforder Tierpark, wo ich mir dann auch mal Zeit nahm um ein Tierportrait zu machen, oder ich mußte los, um von einer Geschichte, die eigentlich nur ein Bild hergab, drei oder vier Bilder machen. Es kam in solchen Fällen auf jeden Einzelnen an, mir ist aber nicht bekannt, daß jemals eine Seite weiß geblieben wäre. Es blieb uns aber auch noch die Möglichkeit, die Schere in Aktion treten zu lassen. Wir hatten zehn verschiedene Lokalausgaben, in denen auch über Themen berichtet wurde, die nicht nur in den betreffenden Lokalbereichen von Interesse waren, und so wurde schnipp, schnipp, schnipp eine neue Seite zusammengestellt. Ein Problem für mich als Fotograf war, daß die Phantasie der Kollegen eine Realisierung als Foto oft nicht zuließ. Die stellten sich Aufnahmen vor, die ich aufgrund vieler Vorbereitungen vielleicht in einer Woche hätte schießen können, aber nicht in einer Stunde. Die vergaßen daß es viel schwerer ist, ein gutes Foto zu machen, als eine Seite vollzuschreiben. Der Fotograf ist ja z. B. vom Wetter abhängig. Schöne Landschaftsaufnahmen mit strahlendem, blauem Himmel sind bei Dauerregen schlecht zu machen. In solchen Situationen kam es eben darauf an, in einer gut gemischten Redaktion zu arbeiten, in der jeder etwas dazu beitragen konnte, die Zeitungsseite mit interessanten Berichten zu füllen.
Herr Borowka, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.