Erich Borowka wollte eigentlich nie Pressefotograf werden.
Als er 1939 in Gleiwitz eine Lehre in einer Drogerie begann, war das keine bewusste Berufswahl. Ausbildungsplätze waren knapp, und eine freie Stelle als Drogist war besser als gar keine Perspektive. Im Labor der Drogerie kam er zum ersten Mal mit Fotografie in Berührung. Dort lernte er Filme entwickeln, Abzüge herstellen und Negative beurteilen. Eine eigentliche fotografische Ausbildung war das jedoch nicht.
Vieles brachte er sich selbst bei. Technik konnte man lernen, Erfahrung musste man sammeln.
Dann kam der Krieg.
1941 wurde er eingezogen. Er meldete sich zur Luftwaffe, weil er Pilot werden wollte. Stattdessen fand er sich in einer militärischen Ausbildung wieder. Als der Krieg 1945 endete, stand er wie viele andere vor dem Nichts. Außer der Uniform besaß er kaum etwas. Dass er unverletzt zurückgekommen war, empfand er später als das Entscheidende.
In Bad Oeynhausen begann er noch einmal von vorn. Er arbeitete beim Brückenbau, bei der britischen Besatzungsmacht und später wieder in Fotolaboren. Die Fotografie blieb dabei stets ein Teil seines Lebens.
Anfang der fünfziger Jahre kam er zur Freien Presse in Bielefeld - allerdings erneut als Laborant. Für ihn war das frustrierend. Wieder im Labor zu landen, empfand er als Rückschritt; die Arbeit war hart, die Arbeitszeiten endeten oft erst tief in der Nacht. Sämtliche Filme und Bilder der Außenredaktionen liefen über das Labor in Bielefeld. Dennoch hielt er durch.
Entscheidend war, dass er nebenbei weiter fotografierte. In seiner Freizeit machte er Bilder für die Zeitung.
Ich habe während meiner freien Zeit fotografiert und die Bilder sind im Feuilleton unserer Zeitung veröffentlicht worden. Dabei erkannte man aber, daß ich auch fotografieren kann.
Das wurde zum Wendepunkt seiner Laufbahn. Er wollte beweisen, dass er mehr war als ein Laborant. Neun Jahre dauerte es, bis ihm der Wechsel zum Fotografen gelang.
1955 eröffnete er zusätzlich ein kleines Fotogeschäft in Gohfeld. Vormittags verkaufte er Filme, Kameras und Zubehör, mittags fuhr er zur Arbeit nach Bielefeld. Das Geschäft war wirtschaftlich bescheiden, gab ihm aber die Möglichkeit, fotografisch weiterzukommen und eigene Aufträge anzunehmen.
Ein Redakteur bei der Arbeit, 1981.
Sein eigentliches Ziel verlor er nie aus den Augen.
1967 kam der entscheidende Wendepunkt. Nach der Fusion von Freier Presse und Westfälischer wechselte Borowka zur Neuen Westfälischen nach Herford und wurde dort der erste fest angestellte Pressefotograf der Lokalredaktion.
Von nun an war er für nahezu alles zuständig.
Theaterproben am Morgen. Vereinsveranstaltungen am Mittag. Ausstellungen am Nachmittag. Sportveranstaltungen am Abend. Dazwischen Filme entwickeln, Bilder auswählen und dafür sorgen, dass die Aufnahmen rechtzeitig nach Bielefeld ins Druckhaus gelangten.
Manchmal bestand ein Arbeitstag aus sechs oder sieben Terminen.
Borowka verstand Pressefotografie dabei nicht als Kunst, sondern als verantwortungsvolles Handwerk. Technik allein genügte ihm nicht. Entscheidend waren Zuverlässigkeit, Offenheit anderen gegenüber und ein Auftreten ohne Arroganz. Für ihn war ein guter Pressefotograf zunächst jemand, auf den sich andere verlassen konnten.
Kraftwerk Möllbergen, 1961.
Mit der Aufnahme war Borowkas Arbeit nicht beendet. Erst in der Zeitung zeigte sich, was aus einem Bild wurde. Anzeigen, Umbruch, Platzvorgaben und Druckqualität konnten eine sorgfältig erarbeitete Fotografie verändern - manchmal ohne Rücksprache mit dem Fotografen. Wenn Kollegen eine Aufnahme beschnitten, ohne ihn zu fragen, ärgerte ihn das. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil dabei eine fotografische Entscheidung verloren ging.
Gerade weil er wusste, wie viel auf dem Weg ins gedruckte Blatt verschwinden konnte, hielt Borowka an seinem Qualitätsanspruch fest. Der Ärger war für ihn kein Nebengeräusch, sondern ein Zeichen dafür, dass ihm das Bild noch wichtig war.
Wenn es mich nicht mehr geärgert hätte, hätte ich keine guten Fotos mehr gemacht.
Gleichzeitig beobachtete er, wie die Fotografie in der Zeitung an Gewicht gewann. Gute Bilder waren nicht mehr nur Beigabe zum Text, sondern ein eigener Zugang zur Geschichte. Schwierig waren für ihn deshalb nicht nur die hektischen Tage mit zu vielen Terminen. Noch anstrengender waren die ruhigen Wochen, in denen die Redaktion trotzdem Bilder brauchte. Wenn der Kalender leer war, musste man sich pausenlos etwas einfallen lassen. In solchen Zeiten griff die Redaktion immer wieder auf ältere Aufnahmen zurück. Archive waren für Borowka kein Lagerort, sondern Teil der täglichen Arbeit.
Überbrückungshilfe für eine „Ente“, 1981.
Ein Motiv, das aus einem leeren Terminkalender entstehen konnte: Winteralltag in Herford, 1981.
Besonders schwierig war die Sportfotografie. Vor allem Fußball. Wenn Herford gegen Bünde spielte, musste er sich entscheiden, an welchem Tor er stehen wollte. Einen Zwillingsbruder hatte er nicht; manchmal blieb nur das Raten, manchmal der Sprint quer über den Platz, wenn ein Elfmeter auf der anderen Seite angekündigt wurde.
Mit der Zeit entwickelte Borowka dafür eine nüchterne Haltung. Die besten Sportbilder entstanden oft dort, wo ihm der Ausgang des Spiels gleichgültig war. Wer emotional zu stark am Verein hing, verpasste leichter den entscheidenden Moment.
Fußball in Herford, 1981.
Trotz des Zeitdrucks verstand Borowka seine Arbeit nie als bloße Routine. Er fotografierte nicht nur Ereignisse, sondern vor allem Menschen.
Porträt eines Herforders zu Hause mit Wellensittich und Lebkuchenhäusern, 1981.
Ich habe mir als Erstes überlegt: Was kannst du einem Menschen zumuten?
Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit. Er zeigt, dass seine Aufmerksamkeit nicht nur dem Motiv galt, sondern auch der Situation, in der ein Mensch fotografiert wurde.
Sensationsfotografie lehnte er ab.
Wir zeigten niemals Aufnahmen, die brutal den Tod darstellten, ganz zu schweigen von Menschen, die sich selbst das Leben genommen hatten. Das war für uns tabu.
Für ihn bestand guter Journalismus nicht darin, Menschen bloßzustellen, sondern sie fair darzustellen. Auch gegenüber Politikern bewahrte er eine gewisse Distanz. Er fotografierte zahlreiche prominente Besucher in Ostwestfalen, doch wichtiger als ihre Bekanntheit war für ihn die Person selbst - ob Bundeskanzler oder Vereinsvorsitzender.
Gleichzeitig beobachtete er mit einem gewissen Humor die Eitelkeiten des politischen Betriebs. Manchmal standen die eigentlichen Gäste hinten, während Lokalpolitiker nach vorn drängten. Borowka wusste genau, warum viele Menschen den Kontakt zur Zeitung suchten: Sie wollten per Bild ins Blatt kommen. Mit einigen konnte er darüber sogar scherzen.
Proteste in Herford, 1970.
Sein Verhältnis zu Kollegen war ungewöhnlich kollegial. Konkurrenz empfand er nicht als Bedrohung; Fotografie war für ihn keine Geheimwissenschaft, die man für sich behalten musste. Als ein junger Fotograf des konkurrierenden Westfalenblatts begann, ließ Borowka ihn sogar auf seine berühmte Leiter steigen, die später zu seinem Markenzeichen wurde.
Überhaupt war er kein Technikfanatiker. Er sprach selten über Kameras, dafür umso häufiger über Improvisation.
Bei vielen Aufträgen musste er mit den vorhandenen Mitteln auskommen. Das zeigte sich besonders deutlich bei einem Ereignis, das er später als das aufregendste seiner Laufbahn bezeichnete: die Rettung der Kumpel in Lengede.
1963 wurde er zum Grubenunglück geschickt. Das Gelände war abgesperrt, die Weltpresse vor Ort. Er selbst besaß keinen Presseausweis für das Sperrgebiet.
Er stand draußen und wusste, dass er nicht ohne Bilder zurückkommen konnte.
Schließlich überzeugte er einen Polizeibeamten, ihn passieren zu lassen. Damit waren die Schwierigkeiten aber noch nicht vorbei. Seine Ausrüstung war bescheiden, ein langes Teleobjektiv besaß er nicht. Also improvisierte er, kletterte auf Fahrzeuge und suchte erhöhte Standpunkte.
Solche Situationen machten für ihn den Beruf aus.
Bergwerksunglück in Lengede, 1963.
Doch bemerkenswert ist, dass zu seinen liebsten Erinnerungen nicht nur die großen Ereignisse gehörten.
Eine Geschichte erzählt viel über den Menschen Borowka.
An einem Wintermorgen war er auf dem Weg zur Redaktion. In Schweicheln entdeckte er eine Landschaft voller Rauhreif. Eigentlich hätte er weiterfahren müssen.
Stattdessen blieb er. Stundenlang. Er fotografierte Bäume, Felder und Lichtstimmungen.
Die Kollegen suchten bereits nach ihm. Seine Frau wusste nicht, wo er war.
Aber mir war das in diesem Moment völlig egal.
Es gab keine wichtigen Termine. Also folgte er seinem fotografischen Instinkt.
Vielleicht beschreibt diese Episode besser als jede andere, wer Erich Borowka war.
Nicht ein Starfotograf. Nicht ein Künstler, der auf Anerkennung aus war. Sondern ein außergewöhnlich zuverlässiger Beobachter.
Jemand, der davon überzeugt war, dass gute Fotografie vor allem Aufmerksamkeit verlangt.
Jemand, der gelernt hatte, mit Menschen umzugehen.
Und jemand, der auch nach Jahrzehnten im Beruf neugierig blieb.
Seine Bilder dokumentieren nicht nur einzelne Ereignisse. Sie erzählen die Geschichte einer Region und ihrer Menschen. Über Jahrzehnte entstand so ein fotografisches Gedächtnis Ostwestfalens - geschaffen von einem Mann, der nie aufgehört hat, genau hinzusehen.
Rauhreif in Schweicheln, 1982.
Ein Bauer pflügt ein Feld in der Nähe von Herford, 1981.